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RNZ 19. Oktober 2009

Mit „Aufwärts“ abwärts in den Zehntkeller

Der Berliner Kabarettist Arnulf Rating war mit seinem neuen Programm beim „Grünen Kulturherbst“ zu Gast

Schriesheim. (sk) Was haben ein ständig ab- und wieder zunehmender Joschka Fischer, eine am Computer geliftete Angela Merkel und ein blässlicher Frank-Walter Steinmeier gemeinsam? Sie sind nicht nur Politiker, sondern auch Leute, die niemand so richtig gut findet, die schon ihre Klassenkameraden in der Schule nicht in der Sportmannschaft haben wollen. Das sagt Arnulf Rating. In seinem neuesten Programm „Aufwärts“ beschäftigt sich der Berliner Kabarettist mit dem Tagesgeschehen im Allgemeinen und den Politikern im Besonderen. Erleben konnte man ihn am Wochenende beim Grünen Kulturherbst im Zehntkeller.
Aufwärts solle es nach der Krise gehen, die dank Abwrackprämie erfolgreich gemeistert wurde, schwor Rating seine Zuhörer gleich zu Beginn des Abends ein. Was dann folgte, war allerdings eher ein Auf und Ab, und zwar sowohl bei der Stimmung als auch beim Niveau. Nicht jeder Gag zündete, nicht jede Pointe traf ins Ziel. Zwischen Kalauer und Satire mäandernd, wurde die Richtung in Ratings schnell dahinfließendem Redestrom nicht immer klar. Der schien nicht immer zu einem klaren Ziel zu führen, sondern irrlichterte zwischen Angela Merkels bei einer Opernaufführung großflächig freigelegtem Busen und einer mal mehr, mal weniger beherzt vorgetragenen Kritik am Bankensystem und Protagonisten wie Josef Ackermann hin und her. Streckenweise an den Stil von Kabarett-Altmeister Dieter Hildebrandt erinnernd, war Ratings Programm weniger etwas für die, die beim Kabarett auf Lachtränen und Witze zum Schenkelklopfen setzten. Hier kamen eher die Zuschauer auf ihre Kosten, für die politisches Kabarett noch eine ernste Sache war.
Aufwärts ging es im wahrsten Sinne des Wortes, als Rating sein Publikum mitnahm zu einer Vernissage im aufstrebenden Berliner Bezirk Friedrichshain. Hier treffen intellektuelle Alt-Achtundsechziger auf neureiche Anwaltsgattinnen und Kritiker, und der Konflikt eskaliert, als der Künstler seine potenziellen Käufer mit den „vegetarischen“ Schrimps vom kalten Buffet bewirft. Aufwärts könnte es auch für die Parteien gehen, denen Rating nahelegte, in Zukunft „richtiges“ Wählen mit Rabattmarken oder Bonusmeilen zu belohnen.

Abwärts ging es dagegen gelegentlich mit dem Niveau, etwa in Formulierungen wie „die Kotze aus der Glotze“ über das Fernsehprogramm, mit der Charakterisierung Guido Westerwelles als „Hassprediger der Neoliberalen“ oder mit in Ehren ergrauten Scherzen über Angela Merkel,  die direkt nach der Wende ihre erste Banane isst. Im zweiten Teil des Abends entnahm Rating seinem Aluköfferchen einen Stapel Zeitungen. Was man in die fett gedruckten Schlagzeilen der Bildzeitung alles hineinlesen kann, sorgte für einige Lacher. Etwa, als in regelmäßigen Abständen die Schweinegrippe thematisiert wurde. Die gelbe Schrift auf schwarzem Grund weckte Assoziationen. „Hier soll der Wähler bereits auf die künftige Tigerenten-Koalition eingestimmt werden“, mutmaßte Rating. Bei einigen dieser Zitate erreichte der Abend jedoch einen Tiefpunkt, etwa als Homosexuelle als „ganz normale A...löcher“, Amoklauf als neue Schulsportart und Brüssel als „Endlager für Politiker“ bezeichnet wurden. Weiter abwärts konnte es mit Stimmung und Niveau nicht mehr gehen, als Rating die Schlagzeile „Mutter tötet ihre vier Kinder“ kommentierte: „Da half auch von der Leyens Lege-Prämie nichts mehr.“ Mit einem letzten Aufwärts-Schlenker erreichte der Kabarettist zum Schluss doch noch die Zielgerade, als er den Verbraucher im Ikea-Sarg aus Kiefer Natur zum Selbst-Zusammenschrauben auf seine letzte Reise schickte. „Wohnst du noch oder lebst du nicht mehr?“, fragte er sein Publikum. Es lebte noch und spendete reichlich Applaus.

 

 

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