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Wolfgang Fremgen
Wolfgang Fremgen

MTB 25. Mai 2011 Bündnis 90/Die Grünen

„Joschka und Herr Fischer“ - Ein Film über Joschka Fischer, den Realo aus dem Taxi

Von Wolfgang Fremgen

Seit 19. Mai läuft "Joschka und Herr Fischer" im Kino. Der Film von Pepe Danquart ist nicht nur die Biografie eines Politikers sondern auch eine Zeitreise durch Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Pepe Danquart stellt Joschka Fischer in einen Keller voller von der Decke hängender Flachbildschirme und lässt den ehemaligen Politiker durch sein Leben wandern. Mit immensem Aufwand hat Danquart 24 kurze Filme destilliert.

Natürlich sind viele der Aufnahmen bekannt, doch die Kombination aus altem Material und dem sich erinnernden Fischer sorgen für einen spannenden neuen Blick. Denn die Geschichte ist abgeschlossen, die Erinnerungen sind sortiert und bewertet. Und es kommt eine weitere Ebene dazu: die sogenannten Exkurse. Wegbegleiter wie Daniel Cohn-Bendit oder Jürgen Hempel, der in den 80er Jahren gegen die "Startbahn West" in Frankfurt protestiert und heute Bauplaner für Flughafen-Projekte ist, fügen in kurzen Interviews ihre Erinnerungen in das Puzzle mit ein.

Joschka Fischer wächst nach dem Krieg im Schwabenland auf. "Wir waren arm, aber es war herrlich." Aufgrund seiner Herkunft, ungarische Aussiedler, hat Fischer schon früh das Gefühl, er gehöre nicht dazu. Aber genau das gibt ihm Freiheit. Bald wird es ihm dennoch zu eng in der Familie und in dem "Junge-Union-Umfeld". Er beginnt eine Fotografen-Lehre, bricht sie jedoch bald wieder ab. Kurz darauf geht Fischer nach Frankfurt und besucht, auch wenn er kein Abitur hat und sich nicht einschreiben kann, Vorlesungen von Adorno und Habermas. Am Rande einer Demonstration gegen den Springer-Konzern gerät Fischer schließlich mit der Polizei aneinander und macht die Erfahrung, "durchgeprügelt" zu werden. Aber der Sponti driftet nicht in den Terrorismus ab. Einige Jahre später wird dann die Ermordung Schleyers für Fischer ein tiefgreifender Einschnitt, der ihm verdeutlicht, dass der Kampf der Linksradikalen aus seiner Sicht in eine Sackgasse läuft. Der Real-Politiker Fischer kommt schließlich Ende der 70er Jahre auf die Welt. Es ist der Wendepunkt in seinem Leben, danach folgt ein Vierteljahrhundert Politik mit den Grünen: Hessen, die Turnschuhe, Umweltminister, Bundestag, Rot-Grün, Außenminister. 2006 legt Joschka Fischer sein Bundestagsmandat nieder und wird Privatunternehmer.

Joschka Fischer erzählt seine Geschichte über zwei Stunden mit seiner typisch knarzenden Stimme. Die klingt wahlweise nach Weltschmerz oder jugendlichem Schalk. Letztlich steckt auch in dem Sound dieser Stimme die Biografie Fischers. Das Kaputte nach stundenlangen Diskussionen, die Heiserkeit nach Ochsentouren im Wahlkampf, ein Stück Resignation nach einem Vierteljahrhundert Politik machen.

"Joschka und Herr Fischer" zeigt einen Mann, der die Anforderungen des politischen Betriebs perfekt erfüllt und die Rolle einer kantigen Identifikationsfigur, an der man sich reiben konnte, ganz eingenommen hat. Aber in dieser Rolle war er immer er selbst, immer den eigenen Überzeugungen treu. So etwas wie der Robert de Niro der Politik – ein bisschen Hollywood, aber immer mit Charakter. Der Film heißt im Untertitel: Eine Zeitreise durch 60 Jahre Deutschland. Und genau das schafft der Film. Pepe Danquart setzt nicht nur dem Sponti und ehemaligen Politiker ein Denkmal, sondern auch einer Generation, die Strukturen aufbrechen und Dinge verändern wollte.

(Quelle: Bearbeitet nach www.gruene.de)

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Wolfgang Fremgen

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