MTB 20. Juli 2011 Bündnis 90/Die Grünen
„Was Fukushima mit uns macht“ – Ein Artikel von Fred Grimm, der hier über gute grüne Vorsätze und das, was dazwischenkommt schreibt
Von Wolfgang Fremgen eingestellt
„Während ich diese Zeilen schreibe, wehrt sich vor meinem Fenster der kalte Hamburger Aprilwind gegen den nahen Frühling. Heute, da Sie diesen Text lesen, schwitzt dagegen wahrscheinlich bereits ganz Deutschland im T-Shirt. Es kann also sein, dass die nachfolgenden Sätze von der aktuellen Entwicklung längst überholt worden sind. Sollten Sie beispielsweise gerade im Fernsehen gesehen haben, wie sich Angela Merkel in Lüchow an die Bahngleise gekettet hat, um den nächsten Castortransport aufzuhalten, oder wie Philip Rösler die komplette FDP in Greenpeace aufgehen lässt, wundern Sie sich bitte nicht, dass ich auf diese allerletzten Wendungen im deutschen Atomstreit nicht mehr eingehen konnte.
Schauen wir daher lieber ein paar Wochen zurück. Erinnern Sie sich noch an die schönen Worte "Laufzeitverlängerung", "Restrisiko" oder "Brückentechnologie"? Ist eigentlich gar nicht so lange her, da kamen diese Formulierungen vielen Politikern und Wirtschaftsbossen so anstrengungslos über die Lippen wie Lothar Matthäus der Heiratsantrag. Nach der schrecklichen Katastrophe von Fukushima schlichen die Laufzeitverlängerer und Brückentechniker durch die Gegend wie ertappte Ehebrecher. Der unhaltbare, ja beinahe mörderische Unsinn der Atomwirtschaft war entlarvt. Die Zeit neuer, schönerer Worte wie "Atomausstieg" oder "Energiewende" begann. Doch bald schon setzte ein bizarrer rhetorischer Mechanismus ein. Die Atomkatastrophe im fernen Japan werde in unerträglicher Weise "instrumentalisiert", hieß es, und, überhaupt, die ewige "Rechthaberei" von uns Öko-Spießern sei nachgerade zynisch.
Die Betroffenheitsmaschine rotiert nur kurz
Es ist wie immer: Ob Ölkatastrophen, Fleisch- oder Dioxinskandale – stets rotiert die große Betroffenheitsmaschine für ein paar Tage und diejenigen, die jahrelang als ahnungslose Hysteriker abgestempelt wurden, weil sie immer wieder vor eben diesen Übeln gewarnt hatten, gelten plötzlich als gefühllose "Rechthaber", denen es nur um die eigene Eitelkeit geht. Als würde allen Ernstes je einer, der unseren geistesverlassenen Umgang mit natürlichen Ressourcen, unsere gedankenlos-vernichtende Haltung gegenüber Mensch und Natur bekämpft, in den Stunden trauriger Bestätigung so etwas wie Triumph erleben. Mit jedem Liter radioaktiv verseuchtem Kühlwasser, der vor Fukushima ins Meer fließt, mit jedem Quadratmeter japanischen Bodens, der auf Menschengedenken hinaus verseucht bleibt, wird meine Traurigkeit größer.
Nein, ich brauche die perverse Bestätigung durch Skandale und Menschheitstragödien nicht, weil der Kampf für eine bessere Welt eigentlich ein leidenschaftliches, beinahe zärtliches Ringen sein sollte, dessen Sieg durch Überzeugung erreicht wird und nicht durch Tod.“
(Quelle: Fred Grimm in „Schrot & Korn“, Heft Juni 2011)






























