MTB 13. Oktober 2010 Bündnis 90/Die Grünen
Bei einem Atomunfall in Biblis lägen Schriesheim und Weinheim mitten in der Todeszone
Von Wolfgang Fremgen
Im Atomkraftwerk Biblis wäre es Ende September beinahe zu einem Atomunfall gekommen. Im Block A des Kraftwerks kam es nämlich zu einer Störung der Notstandsanlage. Nur dem Glück ist es zu verdanken, dass aus dem Störfall keine Katastrophe wurde. Denn während des Defekts der automatischen Umschaltung der Spannungsversorgung stand der Reaktor wegen der routinemäßigen Auswechslung der Brennelemente gerade still. Bei einem Stromausfall im Block A wäre der Reaktor nicht automatisch von Block B mit Energie versorgt und gesteuert worden. Ein Störfall in Block A hätte dann nicht mehr beherrscht werden können. Nach einer Studie des Instituts für Meteorologie der Universität in Wien würden Schriesheim mit einer Luftlinienentfernung von 27 km zu Biblis und Weinheim mit 21 km bei einem schweren Reaktorunfall mit Kernschmelze fast bei jeder Windrichtung mitten in der Todeszone einer maximalen Strahlenbelastung nach einem Super-GAU liegen.
Der Schrottreaktor in Biblis – eine tickende Zeitbombe
Eine Studie des Öko-Instituts in Freiburg im Auftrag des Umweltbundesministeriums listet 80 potentielle Sicherheitsdefizite des Kernkraftwerks Biblis, Block B auf, bei denen Hinweise auf gravierende sicherheitsrelevante Abweichungen vom Stand von Wissenschaft und Technik bestehen. Im Einzelnen sind dies:
- verfahrenstechnische sowie elektro- und leittechnischen Trennung von Sicherheitseinrichtungen und ihrer Teilsysteme,
- Anzahl und Unabhängigkeit vollwertiger Redundanzen,
- Schutz gegen übergreifende Einwirkungen von innen und von außen,
- Beherrschung von Rohrleitungslecks in der druckführenden Umschließung,
- eingesetzte Werkstoffe und Herstellungsverfahren,
- Umfang und Aktualität von Sicherheitsnachweisen.
Sicherheitsaspekte verbieten eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke
Unabhängig vom energiepolitischen Unsinn eines Ausstiegs aus dem Atomausstieg verbieten Sicherheitsaspekte eine Renaissance der Atomkraft. Die Sicherheitsnachweise der deutschen Kernkraftwerke sind veraltet. Die Störfallsicherheit ist durch Dokumente belegt, die zum Teil älter als dreißig Jahre sind. Der Weiterbetrieb der acht ältesten Anlagen würde das allgemeine Risiko des Betriebs von Atomkraftwerken deutlich überproportional erhöhen. So haben beispielsweise Neckarwestheim I und Biblis A eine bis zu viermal höhere jährliche Ereignisrate als die neuerer Kernkraftwerke. Altanlagen wie in Biblis haben sowohl im Normalbetrieb, bei der Reaktion auf Betriebsstörungen sowie bei der Störfallbeherrschung geringe Sicherheitsreserven. Gravierende Sicherheitsnachteile zeigen sich darüber hinaus im Fall eines Flugzeugabsturzes. Auch stoßen Nachrüstungen an ihre Grenzen. Denn konzeptionelle Sicherheitsnachteile durch das veraltete Sicherheitsdesign der älteren Kernkraftwerke können nur begrenzt ausgeglichen werden. Kurzum: die schwarz-gelbe Bundesregierung handelt mit der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken fahrlässig und nimmt für ihre Lobbypolitik zugunsten der Atomkonzerne Sicherheitsrisiken der Bevölkerung billigend in Kauf.










































