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MTB 11. Januar 2012 Grüne Liste Schriesheim

Leben für Fortgeschrittene

Von Dr. Barbara Schenk-Zitsch

Woraus der Zeitungsausschnitt mit der Kolumne von Meike Winnemuth stammt, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls hat mir der Artikel so imponiert, dass ich daraus für den Beginn des Neuen Jahres (frei) zitieren möchte: „Wir leben in einer Kritikgesellschaft. Bereits in der Schule geht es darum, Fehler anzustreichen: Nicht das Gelingen wird belohnt, sondern das Scheitern bestraft. Läuft etwas gut, scheint es nicht der Rede wert, oder wie der Psychiater Fritz Simon sagt: “Nicht geschimpft, ist gelobt genug.“ Dass es auch anders geht, habe ich gelernt, als ich für ein paar Monate nach Brooklyn zog. Die New Yorker sind Meister der Komplimente im vorüber gehen. „Great pedicure“, meint eine Frau mit Blick auf meine Füße und ist schon um die nächste Ecke verschwunden. „Excellent choice“, lobt der Buchhändler, wenn ich ihm meine Wahl auf den Kassentisch lege. Dieses dauernde wohlwollende Kommentieren war für mich zuerst ein Schock, die klassisch deutsche Reaktion ein misstrauisches „Was wollen die von mir?“ Antwort: nichts Die sagen nur, was ihnen gefällt. Und das macht allen gute Laune: Die, denen was Schönes auffällt, freuen sich und die, denen es gesagt wird, noch viel mehr.Bei uns hingegen hat Lob den Beigeschmack manipulativer Unehrlichkeit. Es scheint lediglich ein Mittel zum Zweck zu sein. In Ratgebern für Eltern und Führungskräfte wird der korrekte Einsatz von Lob zur Leistungssteigerung, zur „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ (Managertrainer sprechen vom Milka-Effekt: Glückliche Kühe geben mehr Milch…) oder als pädagogisches Instrument gelehrt: Bitte die Leistung, nicht die Person loben. Das Ganze läuft unter dem seelenlosen Begriff „Feedback“. Kein Wunder, dass wir ein verkrampftes Verhältnis zum Lob haben und dass der Frust über fehlende Anerkennung hierzulande doppelt so groß ist wie im europäischen Durchschnitt.“

Sollten wir uns nicht auch angewöhnen, Schönes und Gelungenes zu loben? Dafür gibt es jeden Tag hundert Gelegenheiten. Mit einem freundlicheren Blick auf die Welt wird man feststellen, wie schön das Leben mit all seinen Kleinigkeiten sein kann.

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