MTB 10. November 2010 Grüne Liste Schriesheim
Mahnung und Erinnerung - zur Reichspogromnacht am 9. November 1938
Von Dr. Barbara Schenk-Zitsch
Die Bezeichnung Pogrom (russisch=Zerstörung) bedeutet mit Plünderungen und Gewalttaten verbundene Ausschreitungen gegen ein anderes Volk, im Auftrag vom Staat gebilligt oder organisiert.
In Deutschland wird Pogrom gebraucht im Zusammenhang mit der Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland – ein Synonym für die „Reichspogromnacht “ am 9./10. November 1938, in der die Nationalsozialisten unter gänzlichem Verzicht auf rechtliche Begründungen mit direkten Aktionen eine neue Stufe der Judenverfolgung betraten.
Im Jahre 1933 lebten in Schriesheim 38 jüdische Mitbürger in 10 Familien. Der Nationalsozialismus mit seinen Menschen verachtenden Zielen und Handlungen war allgegenwärtig in Deutschland. Der Einzug des nationalsozialistischen Wahnsinns machte auch vor Schriesheim nicht Halt. Die neue Gesetzgebung gegen die jüdische Bevölkerung wurde überall mit deutscher Gründlichkeit betrieben.
Am 10. November 1938 wurde die Schriesheimer Synagoge der jüdischen Mitbürger geplündert und zerstört. „Man“ vertrieb die Juden schließlich systematisch, indem ihnen ihre Existenzgrundlage genommen wurde. Bürgermeister Urban konnte am 20. September 1939 nach der Abreise von Julius und Mina Fuld, wohnhaft Passein1, an den Landrat melden: „Mit diesem Abzug ist Schriesheim nunmehr Juden frei.“ Lange Zeit hieß es in Schriesheim, den Schriesheimer Juden sei „nichts passiert", weil ja kein jüdischer Mitbürger von Schriesheim aus deportiert wurde.
Dies ist aber nur die "halbe Wahrheit": Durch frühzeitigen Wegzug konnten sich zwar jüdische "Mitbürger?!" Schriesheims retten, manche wurden aber im Exil nie heimisch, andere verloren ihr Leben in Vernichtungslagern.
Wie hätte ich mich damals verhalten? Wäre ich „Mitläufer“ gewesen, hätte ich auch nicht hingesehen oder hätte ich den Mut aufgebracht, mich gegen den Wahnsinn zu stemmen? Zivilcourage konnte das Leben kosten. Was kostet Zivilcourage heute? Nur den Mut, seine Meinung zu äußern und dazu zu stehen. Was kann denn schon passieren? Und trotzdem trauen sich viel zu wenige. Sollten wir nicht aus unserer unrühmlichen Vergangenheit gelernt haben?
Was ich unendlich bewundere, weil ich wahrscheinlich nicht dazu in der Lage wäre, ist die menschliche Größe der überlebenden Opfer, die es geschafft haben, zu vergeben. Sie sind der Einladung in ihre alte Heimat gefolgt und haben mit ihrem Besuch in Schriesheim Zeichen des Verzeihens und der Versöhnung gesetzt. Dafür müssen wir ihnen ewig dankbar sein.
„Eine wesentliche Lebensaufgabe ist, das Leben jeden Tag von neuem zu beginnen, als wäre dieser Tag der erste - und doch alle Vergangenheit, mit all ihren Resultaten und unvergessenen Gewesenheiten darin zu sammeln und zur Voraussetzung zu haben.“ (Georg Simmel)










































