MTB 09. Dezember 2009 Grüne Liste Schriesheim
Ja zur „neuen“ Werkrealschule, aber: Fördern sieht anders aus
Jede Hauptschule (HS) mit mindestens zwei Zügen soll nach dem Willen der Landesregierung die Möglichkeit erhalten, nach dem 10. Schuljahr den Mittleren Schulabschluss zu vergeben, als Wahlschule ohne Bindung an Schulbezirke. Auch mit den Stimmen der GL-Fraktion hat sich der Gemeinderat auf seiner letzten Sitzung dafür ausgesprochen, dass die Stadt Schriesheim eine Ausnahmegenehmigung für die Errichtung einer „Werkrealschule neuen Stils“ (WRS) beantragen soll. Ausnahme deshalb, weil unsere Hauptschule augenblicklich nicht mal 1zügig (!) ist.
Hier unser Beitrag zur Debatte im Gemeinderat:
- Schriesheim ist Schulstadt. Wir sind in der glücklichen Lage, alle weiterführenden Schulen am Ort zu haben: Hauptschule mit Werkrealschule, Realschule und Gymnasium. Was läge angesichts der gesunkenen Schülerzahlen in der HS näher, als den halben oder viertel oder vielleicht auch mal wieder ganzen Jahrgang Hauptschulkinder zusammen mit den Schülerinnen und Schülern der Realschule zu unterrichten? Als Schulprojekt. Das wäre eine einfache und vernünftige Lösung – verglichen mit dem zeit- und kräftezehrenden, ganz unpädagogischen Aufstand, der gerade in ganz Baden-Württemberg betrieben wird, um die Bedingungen der Landesregierung für die so genannte „WRS neuen Stils“ zu erfüllen. Um also Schriesheim als Schulstandort für diese Schulart zu retten.
- Die ideologisch verengte Schulpolitik des Landes steht dieser naheliegenden Lösung allerdings entgegen. Die „neue“ WRS – definiert als Schule der praktischen Begabungen – soll die Bildungschancen der betroffenen Schüler verbessern und damit ihre Chance auf berufliche Integration. Tatsächlich aber wird sich nichts an der dreigeteilten Grundschulempfehlung ändern, die unsere Kinder schon nach 4 Schuljahren auf die weiterführenden Schularten verteilt. Die soziale Auslese im 4gliedrigen Bildungssystem (mit Sonderschulen) bleibt. Mit der „neuen“ WRS bezweckt die Landesregierung eine Attraktivitätssteigerung des Hauptschul-Bildungsgangs, die dramatisch gesunkene Akzeptanz der HS soll gestoppt werden. Doch wie die bisherige Hauptschule ist auch die umbenannte „neue“ Schulart kein Schulmodell der Zukunft. Was nach größerer Chancengerechtigkeit aussieht, ist es nicht. Nach der 9. Klasse wird durch einen strengen Numerus Clausus noch einmal ausgesiebt – so etwas gibt es in keiner anderen Schulart vor dem Ende des Bildungsgangs! Fördern sieht anders aus als dieser wiederholte Rettungsversuch der längst überholten Schulart Hauptschule. Soviel zur schulpolitischen Einschätzung.
- Trotzdem stehen wir voll hinter dem Ergebnis des Runden Tischs in der Kurpfalz-Schule, das Lehrer, Eltern, Schüler auf der einen, Stadtverwaltung und Gemeinderat auf der anderen Seite gemeinsam erarbeitet haben: Die Stadt als Schulträger soll die Ausnahmegenehmigung für eine zunächst 1zügige WRS beantragen. Obwohl zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar ist, ob oder wann oder unter welchen Bedingungen die nötige Schülerzahl für die verlangte Zweizügigkeit erreicht werden kann, etwa durch Kooperation von Hauptschulen über die Ortsgrenzen hinweg. Außerdem: bis jetzt gab es alle nasenlang neue administrative Anweisungen, keiner weiß, wie sich die Sache tatsächlich weiter entwickelt.
- Für uns ist entscheidend: Wir wollen unsere Schüler am Ort haben. Kooperation muss vor allem am eigenen Ort gesucht werden, zwischen den verschiedenen Schularten. Dafür bietet Schriesheim die besten Voraussetzungen. Nur mit der Schule am Ort halten wir uns den Weg frei für eine nachhaltige Schulentwicklung. Und die sieht so aus: Länger gemeinsam lernen, „Schule für alle“ am Ort mit bestmöglicher individueller Förderung der einzelnen, der Schwächsten wie auch der Besten – wie sie in fast allen anderen Ländern der Welt, vor allem bei den „Pisa-Siegern“, schon lange die Regel ist.
- Zum Schluss noch einmal danke an die Kolleginnen und Kollegen der HS für ihre engagierte und gute Arbeit mit manchmal schwierigen, doch meist motivierten und lernwilligen Schülerinnen und Schülern und an die Eltern, die hinter ihren Kindern und ihrer Schule stehen.
Gisela Reinhard









































