MTB 02. Dezember 2009 Bündnis 90/Die Grünen
Werkrealschule: Etikettenschwindel statt echter Schulreform
Die Landesregierung von Baden-Württemberg möchte sich ab dem Schuljahr 2010/11 von der Hauptschule verabschieden und diese durch die so genannte „Werkrealschule“ ersetzen.
Was versteht man unter einer „Werkrealschule“?
Die Werkrealschule ist ein durchgängiger sechsjähriger Bildungsgang mit einem mittleren Bildungsabschluss. In der Regel ist die Zweizügigkeit dieser Schulform eine Genehmigungsbedingung. Wird diese Bedingung an einem Schulstandort nicht erreicht, sind aber Kooperationen an unterschiedlichen Standorten möglich. Beim Übergang von der 9. zur 10. Klasse ist ein Notendurchschnitt von 3,0 oder besser nötig.
Wie stehen die Grünen zur Werkrealschule?
Grundsätzlich lehnt Bündnis 90/Die Grünen, genau wie die Interessenvertretungen der Grund- und Hauptschullehrer und der gesamte Landeselternbeirat das Konzept der „Neuen Werkrealschule“ ab. Dies hat verschiedene Gründe:
- Mit dem Festhalten am dreigliedrigen Schulsystem mit Gymnasien, Realschulen und anders benannten Hauptschulen durch die CDU/FDP-Landesregierung wird die frühe Selektion nach der vierten Grundschulklasse beibehalten. Der große Einfluss von der sozialen Herkunft auf die Bildungschancen wird verstärkt statt abgebaut.
- Durch das Modell der Werkrealschule sind kleine Hauptschulstandorte im ländlichen Raum in ihrer Existenz gefährdet. Höchstens kurzfristig wird das Sterben der Schulstandorte aufgehalten. Die Abstimmung mit den Füßen aus der Haupt- und Werkrealschule wird unvermindert weitergehen.
- Mit dem Numerus Clausus von 3,0 für den Übergang von Klasse 9 in Klasse 10 werden Schülerinnen und Schüler, die diesen Sprung nicht schaffen, automatisch zu Bildungsabbrechern. Wenigstens sind auf Druck der grünen Landtagsfraktion höhere Anforderungen für Werkrealschulabsolventen für die Aufnahme in ein Berufliches Gymnasium vom Tisch.
- Statt kosmetischer Reparaturen fordert Bündnis 90/Die Grünen eine echte Schulreform mit der mittelfristigen Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems. Einer der Gründe, warum andere Länder bei den OECD-Vergleichsstudien besser abschneiden als Deutschland, ist das längere Verbleiben der Schüler in gemeinsamen Klassen. Neue Schulkonzepte anderer Länder wie Österreich oder der Schweiz oder auch anderer Bundesländer wie Saarland, Hamburg oder Schleswig-Holstein gehen den Weg zu integrativen Schulformen. In Baden-Württemberg hat die CDU-geführte Landesregierung in den letzten Jahren über 60 Anträge auf Einrichtung von integrativen Schulmodellen abgelehnt.
- Gefordert ist nicht eine schlichte Gesamtschule alten Stils, sondern ein Konzept des „Längeren gemeinsamen Lernens“ mit viel individueller Förderung sowohl für die schwächeren als auch die stärkeren Schüler.
- Über die Schulform hinaus spielen aber auch Faktoren wie die Anzahl der Lehrkräfte und die Klassengröße eine große Rolle beim Schulerfolg. Man muss in die Bildung der Kinder investieren statt Steuergeschenke für Reiche auf Pump zu finanzieren.
- Trotz grundsätzlicher Bedenken gegen die Werkrealschule unterstützen Grüne da die Einrichtung dieser Schulform, wo konkrete Bedürfnisse vor Ort gegeben sind. Dies ist in Schriesheim der Fall.
Fazit:
Bei der Wahl der Schulform sind der Wille der betroffenen Eltern, Lehrer und Schüler, gesammelte Erfahrungen sowie der Sachverstand von Experten gefordert. Beratungsresistent sind in diesem Zusammenhang diejenigen, die mit ideologischen Scheuklappen Althergebrachtes mit Zähnen und Klauen verteidigen und neue Schulmodelle, die international Erfolg haben und wissenschaftlich belegt sind, verteufeln.
Wolfgang Fremgen









































